Sie sind hier

Inhaltsverzeichnis

1. Der öffentliche Raum – ein knappes Gut

Immer mehr Menschen - immer mehr Stadtbewohner

Bereits heute lebt ein Grossteil der Weltbevölkerung in Ballungszentren. 2007 lebten zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Schlagworte wie Verstädterung und Mega Cities sind in aller Munde.

Entwicklung  der  Weltbevölkerung  nach  Kontinenten,  1500  bis  2150

Global population trends according to continent, 1500 to 2150

Der Wunsch nach mehr öffentlichen Räumen

2012 befragte die grösste schweizer Kinderhilfsorganisation Pro Juventute in einer repräsentativen Umfrage mehrere Tausend Kinder nach ihren persönlichen Wünschen für die Zukunft. Mit deutlichem Abstand an erster Stelle kamen nicht PC-Spiele, Süssigkeiten oder Handies. Ganz zu oberst stand der Wunsch nach "mehr Freiraum und Platz zum Spielen". Der öffentliche Raum wird zu einem immer knapper werdenden Gut – und seine Gestaltung und Nutzung somit wertvoller und relevanter denn je. Städteplaner und Raumentwickler haben längst erkannt, dass es die „public spaces“ sind (öffentlich zugängliche Orte von Gebäuden, Campusen, Bahnhöfen, Flughäfen, sowie Parks, Plätze und verkehrsberuhigte Strassen), die einen städtischen Lebensraum ganz entscheidend prägen, zum Leben erwecken und ihm eine ganz eigene Identität verleihen.


2. Der öffentliche Raum – Ein Städtebrandinginstrument

Vor 20 Jahren war der Term "öffentlicher Raum" gänzlich unbekannt

Auch wenn sich das seither verändert hat, wird die eigentliche "Macht" des öffentlichen Raumes erst seit kürzerem erkannt.

Der öffentliche Raum ist Standortmarketing

Weltstädte sind austauschbar geworden. Die Identität einer Stadt nehmen wir neben einigen wenigen Ikonen der Architektur (unbewusst) vor allem durch ihre Public Elements wahr – Strassenschilder und Wegweiser, Parkbänke, Abfallbehälter, Werbe- und Informationstafeln oder die Beleuchtung auf öffentlichen Plätzen. Auch wenn Flughäfen weltweit von der Grundarchitektur alle sehr ähnlich sind, fühlen wir uns an gewissen Orten "heimischer". Untersuchungen zeigen, dass diese Identifikationsgefühle grossmehrheitlich durch die Public Elements, im Flughafen insbesondere die Signaletik, hervorgerufen werden. Am deutlichsten kommt der Brandingcharakter des öffentlichen Raumes aber bei Filmsets ans Tageslicht. In Hollywood wurden Gangsterfilme aus den 20er Jahren oder bspw. Spiderman aus dem aktuellen Jahrhundert vor genau den gleichen Gebäudekulissen gedreht. Was sich jeweils ändert sind die Public Elements (Wegweiser, Lichtsignale, Abfallkübel, Zeitungsdispenser etc).

Noch nicht überzeugt?
Erkennen  Sie  die  Stadt?  Do  you  recognise  the  city?

Erkennen Sie die Stadt? Do you recognise the city?

Dann machen Sie den Selbsttest. Hätten Sie die oben abgebildete Skyline ohne Public Elements erkannt? Können Sie die abgebildeten Public Elements einer Stadt zuordnen?


3. Der öffentliche Raum – Die Grundlage für eine erfolgreiche soziale Integration

Die soziale Integration: Primäraufgabe einer Stadt

Zur Primäraufgabe einer Stadt gehört die soziale Integration der darin lebenden Menschen. Eine gute soziale Integration zeigt sich unter anderem durch einen hohen Grad an Partizipation der Bevölkerung am öffentlichen Leben. Diese wiederum bedingt, dass sich die Menschen an einem Ort sicher und zugehörig fühlen und eine hohe Lebensqualität erleben, wenn sie sich im öffentlichen Raum bewegen.

<p>Der  Public-Space  Kreislauf</p>

Der Public-Space Kreislauf

Identifkation schafft Partizipation

Erst wenn ich von "meiner" Stadt oder "meinem Quartier" spreche und das auch so empfinde, werde ich aktiv, belebe mit meiner regelmässigen Anwesenheit den öffentlichen Raum und sorge dafür, dass auch andere meinem Beispiel folgen.

Partzipiation führt zur sozialen Integration

Oder wie es u.a. Amanda Burden (ehemalige Stadtplanerin von New York) und Sir Norman Foster (Star-Architekt) so trefflich sagten: Public spaces are more important than buildings. They make a city alive."


4. Der öffentliche Raum – Viele Benutzergruppen und hohe Ansprüche

Viele Menschen - viele Bedürfnisse

Für den öffentlichen Raum zu planen und produzieren ist nicht nur eine verantwortungsvolle sondern auch anforderungsreiche Aufgabe. Denn im öffentlichen Raum treffen die Erwartungen und Bedürfnisse ALLER dort lebenden Menschen aufeinander. Und manchmal scheint es so, als ob die Bedürfnisse der verschiedenen Anspruchsgruppen nicht miteinander vereinbar sind.

"Nur keine Probleme im öffentlichen Raum"

So möchten die Besitzer/Verantwortlichen von öffentlichen Räumen oft einfach "keine Probleme". Das führt dann dazu, dass grosse Areale oft über Monate geschlossen werden (bspw. städtische Freibäder ausserhalb der Sommersaison) oder dass grössere Strassen mit Absperrungen und Gittern so gestaltet werden, dass es unmöglich ist, einer grösseren Menschenmenge Platz zu bieten oder sich dort zu bewegen.

Der öffentliche Raum - mein Lebensraum

Auf der anderen Seite wünschen sich die Anwohner eines öffentlichen Raumes eine hohe Lebensqualität durch die Benutzung des öffentlichen Raumes. Sie suchen Rückzugsmöglichkeiten vom (hektischen) Alltag, einen Ort der Erholung und Musse und erwarten eine zeitlose, benutzerorientierte und ansprechende Gestaltung. Der öffentliche Raum soll aus ihrer Sicht ein Ort für Begegnung und Austausch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Generationen sein. Dabei soll Interaktion nicht nur ermöglicht, sondern aktiv unterstützt und gefördert werden. Der öffentliche Raum soll aber auch sicher sein und für nicht Ortskundige wie aber auch Einheimische soll er dank guter Beschilderung Orientierung bieten. Ein öffentlicher Raum soll die Identifikation mit und Zugehörigkeit zu einem bestimmten Ort (Flughafen) bzw. zu einer ganzen Region fördern oder gar erst schaffen (z.B. Glattalbahn) und dadurch ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit erzeugen. Kurz: Der öffentliche Raum soll über Generationen hinweg ein Ort sein, an dem man sich gerne aufhält, sich wohl fühlt und mit dem man schöne Erlebnisse und Erinnerungen verbindet.

Die Kunst besteht nun darin, diesen beiden Bedürfnisgruppen gleichzeitig gerecht zu werden. Und das ist absolut möglich.


5. Der interessante Cost-Perception-Ratio der Public Elements ®

Public Elements beeinflussen entscheidend die Wahrnehmung

Immer wieder werden Stadtbesucher oder Besucher von Grossanlässen (bspw Olympische Spiele) befragt, was ihnen von der besuchten Stadt oder dem besuchten Event positiv oder negativ in Erinnerung geblieben ist. Auf den vordersten Plätzen dieser Befragungen figurieren immer und ausnahmslos die Public Elements (Bänke, Signaletiksysteme, Abfallsysteme, Infrastrukturen des öffentlichen Verkehrs, Beleuchtungen etc). Sind diese schlecht gemacht, schlecht unterhalten oder gar nicht vorhanden, bleibt im besten Fall ein negativer Eindruck beim Besucher hängen.

Nicht selten führt das dann aber sogar zu einer "Entleerung" des öffentlichen Raums, zu einem Gefühl des sich Unsicherfühlens, zu Angst (ich habe mich nach Anbruch der Dunkelheit gar nicht mehr auf die Strasse gewagt) und schliesselich zum Entscheid, die Stadt/den Event nicht mehr zu besuchen oder aus der Region weg zu ziehen. Die Einrichtung des öffentlichen Raumes hat also einen sehr grossen Einfluss auf die Wahrnehmung - die Perzeption - der Menschen, die ihn benutzen.

Public Elements stellen nur einen ganz kleinen Teil der Gesamtkosten dar

Grosse Wichtigkeit suggeriert oft auch grosse Kosten. Das ist bei den Public Elements genau nicht der Fall. Vergleicht man die Investitionssumme aller Public Elements mit den Kosten aller Baumassnahmen bspw. bei den olympischen Sommerspielen in Socchi oder beim Bau eines neuen Flughafens oder bei der Erstellung eines neuen Parkes, stellt man ausnahmlos fest, dass diese selten mehr als 1% ausmachen. Das heisst also: Jene Investition, welche den grössten Einfluss auf die positive (oder negative) Wahrnehmung bei der Zielgruppe eines öffentlichen Raumes ausübt, stellt anteilsmässig oft die kleinste Kostenposition des Gesamtprojektes dar. Oder noch deutlicher gesagt: Wer versucht, das 1% des Kostenanteils der Public Elements "zu optimieren", läuft Gefahr, den Eindruck und somit die Nutzung seiner gesamten Bauinvestition in Gefahr zu bringen.


6. Der öffentliche Raum – Kurzfristige Entscheide mit langfristigen Konsequenzen

Vermeintlich billig in der Anschaffung

Während des Projektverlaufs wird in der Annahme, dass das Mobiliar sowieso in einem kürzeren Rhythmus ersetzt werden wird, oft bei der Anschaffung „gespart“ resp. bei der Auswahl der Public Elements nur auf den Preis geschaut. Städte und Kommunen haben aber meist erst nach 20 Jahren wieder Wille, Zeit und Budget sich mit jeweiligen Projekten erneut zu befassen. Denn Nachbesserungen im öffentlichen Raum nur kurz nach deren Eröffnung fallen in den meisten Fällen negativ auf. Sie gelten oft als öffentlich eingestandener Baufehler - Gift für die Karriere eines jeden Politikers.

Teuer im Betrieb

Zudem bedingt jeder Ersatz wieder Arbeiten im Tiefbau, erneute Fundationsarbeiten, Zuleitungen, sowie Ersatz und Entsorgung. Dies bedingt oft erneute Baubewilligungen, aufwendige Sicherheitsvorkehrungen, Sperrungen und Umleitungen sowie für die Bürger eine längere Einschränkung bei der Nutzung. Dies ist langfristig sehr kostenintensiv und macht nicht selten ein „Flickwerk“ aus Belag und Infrastruktur.

Example of a "subsequently improved" bench (retirement home in Switzerland)

Unbefriedigend in der Funktion

Meist wird deshalb von einer Neuinvestition abgesehen und auf Grund seines eingeschränkten Handlungsspielraums geht der zuständige Unterhaltsdienstleister dazu über, auch minderwertige Elemente immer wieder kostspielig zu unterhalten oder an diesen herumzubasteln, damit zumindest eine Mindestfunktion gewährleistet ist. "Nachgebesserte", minderwertige Elemente zeigen keine Wertschätzung gegenüber der Bevölkerung, lösen darum keine Identifikation und somit auch keine Partizipation aus. Dadurch entsteht keine soziale Integration und der öffentliche Raum wird als "schlecht" taxiert und kann seine Funktion nicht übernehmen.

Lebensdauerkosten sind wichtiger als Anschaffungskosten

Aus all diesen Überlegungen ist es wichtig, ganz zu Beginn des Prozesses die Ziele des jeweils einzurichtenden öffentlichen Raumes zu definieren und bei der Anschaffung der Public Elements nicht die Anschaffungs- sondern die Lebensdauerkosten und die Fähigkeit der Elemente zur Erreichung der gesetzten Ziele in den Vordergrund zu stellen und prioritär zu beurteilen.